Alle Bürger sind frei. Aber manche sind freier als andere.

Sorry, George. Du warst ein Optimist.
Alle Bürger sind frei. Aber manche sind freier als andere.

Orwell war ein Optimist

George Orwell hat sich 1948 hingesetzt und versucht, sich das Schlimmste auszudenken, was einer Gesellschaft passieren kann. Heraus kam “1984”. Bildschirme in jeder Wohnung, die zuhören. Eine Sprache, in der bestimmte Gedanken nicht mehr gedacht werden können. Eine Behörde, die Geschichte umschreibt. Menschen, die einander denunzieren, aus Angst und aus Überzeugung zugleich.

Ich habe das Buch gelesen und beim Zuklappen festgestellt: Orwell hatte zu wenig Fantasie. Wir haben sein dunkelstes Szenario längst überholt. Mit Anlauf. Mit Applaus. Mit zwei Jahren Vertrag.

Das, was Orwell sich nicht zu denken traute

In Orwells Welt hängt der Teleschirm an der Wand. Man kann sich, wenn man Glück hat, kurz aus seinem Blickfeld bewegen. Im Bad zum Beispiel. Im Schlaf. Beim Spaziergang.

Wir haben das gelöst. Unser Teleschirm wandert mit. In die Küche, ins Bett, ins Bad, auf die Toilette. Er weiß, wo ich bin, wie schnell ich gehe, wann ich stehengeblieben bin, in welcher Position ich schlafe, wie hoch mein Puls beim Streit mit meinem Partner war. Er hört das Gespräch im Auto. Er liest mit beim Tippen. Er wertet aus, wann ich glücklich bin, wann gestresst, wann krank werde – manchmal früher als ich selbst.

Niemand musste uns das Gerät aufzwingen. Wir stehen Schlange, wenn ein neues herauskommt. Wir verteidigen es vor Kritik. Wir würden uns nackt fühlen ohne. Genau genommen: wir sind nackt mit. Aber das wissen wir entweder nicht oder wir wollen es nicht wissen.

Orwell hat sich einen Staat ausgedacht, der seine Bürger überwacht. Wir haben uns einen Markt ausgedacht, der das viel besser kann – und der den Staat dann gleich mit beliefert. Beides gleichzeitig. Beides freiwillig. Beides verkauft als Fortschritt.

Sorry, George. Du warst ein Optimist.

Die Mechanik aus “Farm der Tiere”

Wer “1984” gelesen hat, weiß, wie Diktatur aussieht. Wer wissen will, wie sie entsteht, muss “Farm der Tiere” lesen.

Da befreien sich die Tiere von einem schlechten Bauern. Sie schreiben Regeln an die Scheunenwand. Alle Tiere sind gleich. Sie meinen es ernst. Sie sind glücklich. Sie haben ihre Freiheit selbst erkämpft.

Dann passieren kleine Verschiebungen. Eine Regel wird leicht umformuliert, nachts. Eine Ausnahme wird gemacht, für den, der ja so viel arbeitet. Eine Bequemlichkeit wird eingeführt, weil es ja praktisch ist. Am Ende steht an der Scheunenwand: Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher als andere. Und niemand kann mehr genau sagen, wann das passiert ist.

Genau dort sind wir. Wir sind nicht in 1984. Wir sind in der zweiten Hälfte von “Farm der Tiere”. In der Phase, in der die Versprechen schon umformuliert werden, aber an den Wänden noch die alten Sprüche kleben. Demokratie. Selbstbestimmung. Datenschutz. Freiwilligkeit. Steht alles noch da. Wird alles noch gesagt. Bedeutet alles schon längst etwas anderes.

Die digitale Identität – das Brett für die Scheune

Die EU baut gerade an der EUDI-Wallet. Eine digitale Brieftasche auf dem Smartphone, in die Ausweis, Führerschein, Diplome, Krankenversicherung, Bankdaten und mehr hineinwandern sollen. Bis Ende 2026 soll jedes Mitgliedsland sie anbieten. Offiziell freiwillig.

Österreich hat die ID Austria. Deutschland baut. Ab 2027 müssen öffentliche Stellen die Wallet akzeptieren, ein Jahr später Banken, Telekommunikation, Gesundheit und große Plattformen wie Amazon. Auf dem Papier darf niemand benachteiligt werden, der keine Wallet nutzt. Auf dem Papier.

In der Praxis kennen wir das Spiel schon. Sperrmüll geht nur mit App. Stundenplan des Kindes geht nur mit ID. Bankkonto wird einfacher mit Smartphone. Steuererklärung lieber digital. Arzttermin über Portal. Jedes einzelne Beispiel klingt vernünftig. Praktisch. Modern. Wer wollte da widersprechen.

Aber die Summe ist etwas anderes als die einzelnen Teile. Die Summe ist: Du bekommst gleich einen Schlüssel, mit dem du dich überall identifizierst, der dich überall hinterlässt, der dich überall sichtbar macht. Ein Schlüssel, der auch ein Schloss ist. Wenn der Schlüssel mal nicht funktioniert – Akku leer, Update fehlgeschlagen, Konto gesperrt, Score zu schlecht –, dann öffnet sich nichts mehr. Kein Schalter, kein Konto, kein Zug, kein Arzt.

Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist eine Architektur. Sie wird gerade gebaut, vor unseren Augen, mit unseren Daten, mit unserer Zustimmung. Wer in fünf Jahren sagt, das hat doch keiner kommen sehen, der hat in den letzten zwei nicht hingeschaut.

Die zwei Lager

Während die Architektur entsteht, wird das Land sortiert. Wer falsche Fragen stellt, ist nicht mehr jemand mit einer anderen Meinung. Er ist auffällig geworden. Querdenker. Schwurbler. Wahrscheinlich rechts.

Der Mechanismus ist erschreckend einfach. Wer anders denkt als ich, ist rechts. Damit ist alles erledigt. Kein Argument mehr nötig, keine Frage mehr zulässig, kein Gespräch mehr möglich. Ein Wort, eine Schublade, Klappe zu. Es spielt keine Rolle mehr, was du gesagt hast. Es spielt nur noch eine Rolle, in welchem Lager du ab jetzt geführt wirst.

In “Farm der Tiere” gibt es genau diesen Moment. Snowball, der unbequeme Denker, wird zum Feind erklärt. Alles Schlechte wird ihm angelastet. Sein Name reicht, um eine Diskussion zu beenden. Wer ihn verteidigt, wird zum nächsten Snowball.

Bei uns heißt das Tier anders. Der Mechanismus ist derselbe. Und er funktioniert.

Was sie verkaufen, was wir bezahlen

Verkauft wird das alles immer mit denselben Worten. Bequemer. Schneller. Moderner. Sicherer. Im Werbevideo der EU-Kommission winken lächelnde Menschen mit ihrem Smartphone in eine glitzernde Zukunft. Reisepass vom Sofa. Wohnsitz in drei Klicks. Keine langen Wartezeiten am Amt.

Bezahlt wird mit etwas, das im Werbevideo nicht vorkommt. Mit der eigenen Identität, lückenlos auswertbar. Mit der Möglichkeit, sich zu entziehen, die immer kleiner wird. Mit dem Recht, einfach in Ruhe gelassen zu werden, das in keinem Gesetz mehr steht. Mit der Freiheit, falsch zu denken, ohne dafür auf einer Liste zu landen.

Es ist gewollt. Brüssel weiß, was es baut. Regierungen wissen, was sie kaufen. Konzerne wissen, was sie verdienen. Und gleichzeitig ist es zugelassen. Von Millionen Menschen, die müde sind, die kein Verschwörungsdenker sein wollen, die einfach ihren Sperrmüll loswerden, ihr Kind zur Schule schicken, ihr Bankkonto eröffnen wollen. Die jeden Tag aus Erschöpfung klicken, was sie eigentlich nicht klicken wollten.

Beides ist wahr. Es wird oben gebaut, und unten getragen. Ohne das eine geht das andere nicht.

Die Wand, an der die Sprüche stehen

An den Wänden hängen noch die alten Sprüche. Demokratie. Selbstbestimmung. Datenschutz. Grundrechte. Freiwilligkeit.

Sie sind nicht weg. Sie werden nur leise umformuliert, nachts, von Händen, die wir nicht sehen. Eine Verordnung hier, eine Durchführungsbestimmung dort, eine “technische Anpassung” da. Niemand klebt sie ab. Niemand muss. Sie bedeuten irgendwann einfach etwas anderes.

Und eines Morgens stehen wir vor der Scheunenwand und lesen, was schon längst dort steht:

Alle Bürger sind frei. Aber manche sind freier als andere.

Wer das nicht sehen will, hat noch ein bisschen Zeit. Aber nicht mehr lange.


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1021 sat

Wichtig 🌎

21 sat

Great post 👍

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