Der Kunde ist Diktator
Jeder kennt das Sprichwort, der Kunde ist König. Jeder möchte als König behandelt werden. Doch kommt mit dieser Macht nicht auch Verantwortung?
Ich habe schon viele kleine Jobs gehabt, sei es in der Gastronomie, in einer Diskothek, im Event Bereich, im Start-Up für Online Shopping oder bei Aldi an der Kasse letztes Jahr. Alles Jobs, die sehr nahe am Kunden sind. Doch muss ich sagen, dass ich in keinem Job schlechter von Kunden behandelt wurde als bei Aldi. Selbst die Betrunkenen in der Disco oder die unhöflichen Touristen in der Gastronomie waren alle samt erträglicher als die durchschnittlichen Kunden, die bei Aldi anzutreffen sind.
Dies ist ein sehr gewagtes Statement, dass ich verteidigen möchte. In der Disco weiß derjenige mit Betrunkenen umzugehen, sie sind da, um eine gute Zeit zu haben, und wollen eigentlich nur Spaß haben. Klar gibt es auch hier Ausreißer aus der Statistik, doch der durchschnittliche Gast in der Disco ist dort zum Feiern und zum Genießen. Das gleiche gilt für die Gastronomie, auch hier gibt es definitiv Kunden, die nicht die nettesten sind und sich fernab der Heimat schamlos schlecht benehmen, doch das ist nicht der Normalfall.
Schauen wir nun zu Aldi. Wieso kam es mir so vor, als wären dort die Menschen am unhöflichsten? Viele Menschen gehen gestresst einkaufen, vielleicht sogar direkt nach der Arbeit. All der Frust, den sie den Tag über mitsichtragen, geht noch in ihren Köpfen vor. Und dann das! Ihr Lieblingsprodukt ist schon wieder ausverkauft, das war es doch letzte Woche schon! Eine Unverschämtheit! Nun kommt der Kunde zu mir und beschwert sich. Natürlich ist es meine Schuld, dass da kein Käse mehr im Regal ist. Schließlich bin ich Herr der Lieferkette, Herr der Lagerbestände, Herr der Produktion und Herr der Distribution. Wie konnte ich das dem Kunden nur antun?! Ich entschuldige mich in aller Form und der Kunde stolziert als Sieger davon, der mir mal gezeigt hat, wie man mit seinen Kunden umzugehen hat.
Der nächste Kunde lässt etwas fallen oder macht etwas kaputt. Natürlich nicht mit Absicht, aber da es ja auch nicht mit Absicht war, muss er dafür ja auch nicht zahlen, das sieht der Kunde gar nicht ein. Aus Kulanz übernimmt Aldi den Schaden. Schließlich will Aldi einen guten Ruf haben. Auf dem Weg, den Schaden zu beseitigen, kommt mir ein Kunde schon entgegen und beschwert sich über den Saustall im Laden. Dies sei ja kein Zustand, bei dem ein Kunde gerne einkaufen möchte.
Im Lager dann einmal tief durchatmen, bis ein Mitarbeiter einen dann über das Funkgerät ruft, der Leergutautomat ist wieder voll. Auf dem Weg dorthin darf man sich von den Kunden anhören, dass es unverschämt sei, diese warten zu lassen, und dass das ja letzte Woche auch schon passiert ist.
Meine Chefin sagte oft witzelnd zu mir: „Aber immer dran denken, der Kunde ist König.“. Und ich entgegnete ihr immer: „Die Geschichte zeigt, dass schlechte Könige oft ihren Kopf durchs Volk verloren.“.
Der Kunde ist König. Diesen Satz leben wir mittlerweile mit einer Selbstverständlichkeit, dass der Kunde mittlerweile zum Diktator wurde. Der Kunde diktiert, wie die Unternehmerwelt ihm zu dienen hat.
Unternehmen leben von guten Kundenbewertungen und Feedback. Dank des Internets ist das Verhalten von Unternehmen sehr viel transparenter geworden und Kritik zieht schnell große Kreise. Die Bahn musste dies schon oft schmerzhaft auf Twitter erfahren. Viele Unternehmer trauen sich nicht, dem Kunden unrecht zu geben, auf die Gefahr hin eine schlechte Bewertung zu bekommen.
Produkte müssen heutzutage rund um die Uhr verfügbar sein. Ein leeres Regal zeugt vom Versagen des Unternehmers. Kunden sind es nicht mehr gewohnt, dass etwas für Wochen ausverkauft ist, und wollen alles jederzeit konsumieren können. Dies sah vor 60 Jahren in Deutschland noch ganz anders aus.
Online-Shopping durchlebt diese Kundendiktatur in einer speziellen Form. Gerade Unternehmen wie Amazon und Zalando geraten oft in die Schusslinie der Medien für ihre vielen Retouren. Doch woher kommen die Retouren? Schickt dir Zalando dreimal so viele Sachen, in der Hoffnung, dass du etwas behält, oder willst du als Kunde drei Sachen ausprobieren und davon wählen? Die Kunden sind heute oft schon unzufrieden, wenn kein kostenloser Retourenschein in dem Paket liegt, das auf dem Weg zu ihnen nach Hause ist. Diese Mentalität der Retouren kommt vom Kunden und Unternehmen versuchen, es nur dem Kunden so angenehm wie möglich zu machen, um diesen nicht zu verlieren. Der Kunde diktiert, was Unternehmen machen müssen, damit sie erfolgreich sein können.
Die ganze Versandwelt hat sich in den letzten 20 Jahren drastisch gewandelt, nicht nur dass die Versandzeit sich auf ein Drittel reduziert hat, sondern auch die Stabilität der Pakete hat sich enorm verbessert. Zustellungen können nun auf dem Handy in Echtzeit verfolgt werden und man hat viele Optionen der Paketzustellung. Ob zum Arbeitsplatz, nach Hause oder zur Selbstabholung an einer Paketstation, der Kunde hat die Wahl.
Oft liest man, dass Aldi, Lidl und andere Discounter die Bösen sind. Die brutalen Großunternehmen, die ihre Mitarbeiter schlecht behandeln und die ihre Zulieferer ausbeuten. Tatsächlich ist EDEKA der größte private Arbeitgeber Deutschlands und auch REWE (Platz 6), Lidl (Platz 7) und Aldi (Platz 14) sind an der Spitze vertreten. Sollten diese alle unmenschliche Arbeitsbedingungen haben und ihre Mitarbeitet so sehr ausbeuten? Warum arbeiten dann so viele Menschen für die Unternehmen und gehen nicht woanders hin?
Warum sind die Zulieferer so unter Druck? Ist es, weil Aldi und Lidl den Preis brutal senken, um eine riesige Gewinnmarge abzugreifen, oder liegt es daran, dass wir als Kunden alles lieber noch günstiger wollen und sonst einfach zur Konkurrenz wechseln, wenn diese es günstiger anbieten können? Coca-Cola ist hier das beste Beispiel. Zu meiner Zeit bei Aldi musste ich lernen, dass der Coca-Cola-Aktionspreis das Wochengeschäft stark beeinflusste. Viele Kunden wählen auf Basis des Coca Cola-Preises, wo sie den Großteil ihres Wocheneinkaufes tätigen werden.
Großunternehmen wie Aldi ermöglichen uns, für erschwingliche Preise einzukaufen, schaffen zehntausende Arbeitsplätze und versuchen, ihr Image täglich zu verbessern. Es ist viel mehr an der Zeit, dass die Konsumenten begreifen, dass sie vom König zum Diktator wurden und dass ihre Entscheidungen den Markt beeinflussen und lenken. Der Kunde bestimmt, was er am Ende des Tages will, und er trägt die Verantwortung für seinen Konsum. Des Weiteren liegt es an ihm, wie er sich gegenüber den Mitarbeitern verhält und wie sehr er die Dienstleistungen wertschätzt, die ihm so überaus großzügig geboten werden.
Beim nächsten Einkauf, wenn euer Lieblingsprodukt ausverkauft ist, einfach kurz innehalten, dem nächsten Mitarbeiter dafür danken, dass er einen Super-Job macht und sich daran erfreuen, wie viele verschiedene Produkte eigentlich in so einem Supermarkt zu so unglaublich günstigen Preisen sind. Dann erkennst du auch die Schönheit deines Königreiches und muss kein tyrannischer Diktator sein.
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Onward 🫡
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