Der Wahrheitskomplex

Der Journalist Norbert Häring zeigt, dass die Kontrolle der Öffentlichkeit ein Militärprojekt ist und Deutschland dabei ein Vorreiter war.
Der Wahrheitskomplex

Platz zehn in Woche eins, Platz neunzehn in Woche zwei: Die Spiegel-Bestsellerliste wird den Hütern der Wahrheit nicht gefallen. Den Sachbuch-Markt jedenfalls haben sie noch nicht im Griff, auch wenn Books-on-Demand-Dienstleister inzwischen offenbar ein „Problem“ mit bestimmten Begriffen und Formulierungen haben und ein Konzern wie Amazon von Leitmedien und Aktivisten leicht unter Druck gesetzt werden kann. So oder so: Norbert Härings Buch Der Wahrheitskomplex hat seinen Weg zu den Lesern gefunden. Schritt eins ist damit geschafft:

Mit diesem Buch hoffe ich, einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Bestrebungen der EU und der nationalen Regierungen, die Meinungsfreiheit in Europa zu beseitigen, ans Licht und in die öffentliche Diskussion kommen (Seiten 274 und 275).

Es gab Auftritte in der Berliner Zeitung und bei reichweitenstarken Kanälen der Gegenöffentlichkeit sowie einige Rezensionen in den Milieumedien, von Paul Schreyer etwa, Maike Gosch, Ole Skambraks oder Katja Leyhausen, dokumentiert auf einer Begleitseite zum Buch, wo Norbert Häring zugleich seine Chronik fortschreibt, NGOs und ihre Geldgeber vorstellt und noch tiefer in das Thema Faktencheck einsteigt, als er es im Buch ohnehin schon tut. Ob das für Schritt zwei reicht, steht in den Sternen. In Härings Worten: „effektiver Widerstand“ plus „Rückabwicklung des gesamten Wahrheitskomplexes“. Was das bedeuten würde, steht im letzten Kapitel:

  • Verhaltenskodizes gegen Hass und Desinformation ersatzlos streichen,
  • alles aus dem Digital Services Act (DSA) tilgen, „was Maßnahmen gegen legale Inhalte fordert oder begünstigt“,
  • Faktenchecker und „Hinweisgeber als verdeckte, staatlich lizensierte Wahrheitsinstanzen“ abschaffen und stattdessen staatliche Aufsichtsbehörden einsetzen (der Neutralität und dem Buchstaben des Gesetzes verpflichtet),
  • kein Steuergeld für Medienhäuser,
  • den Landesmedienanstalten die Aufsicht über Netzinhalte entziehen (die sie seit 2020 unter dem Label „journalistische Sorgfalt“ haben),
  • den Majestätsbeleidigungsparagrafen streichen (188 StGB) und die Gesetzgebung zur Volksverhetzung „auf den Prüfstand“ stellen,
  • Diskriminierungsverbot für Banken (also: keine Kontokündigungen mehr aus politischen Gründen),
  • Plattformen unter Nutzerkontrolle stellen, so auch Shadow Banning beenden und, auf einer Metaebene (gegen die Trends Zentralisierung und Digitalisierung),
  • dezentral entscheiden – am besten „von Angesicht zu Angesicht“.

Damit ist zugleich umrissen, was das Buch liefert: eine Tiefenbohrung von enzyklopädischem Ausmaß, in der buchstäblich alles „ans Licht“ kommt (siehe oben), was Militär, EU und westliche Nationalstaaten im Kampf um die Deutungshoheit auffahren. Organisationen, Netzwerke, Namen, Papiere, Abläufe. Norbert Häring, Jahrgang 1963, hat das Handwerk gelernt. In seinem Lebenslauf stehen die Börsenzeitung, die Financial Times Deutschland, das Handelsblatt, etliche Sachbücher (zuletzt: Endspiel des Kapitalismus) und vor allem die Webseite Geld und mehr, längst ein Ankerpunkt der Gegenöffentlichkeit. Wer dort regelmäßig liest, wird vieles von dem kennen, was jetzt gedruckt worden ist.

Damit das nicht untergeht, wiederhole ich es: In Sachen Recherche macht Norbert Häring niemand etwas vor. In keinem anderen Buch gibt es eine solche Fülle an Material zum Thema. Jedes Sachbuch lebt aber, das ist noch kein Einwand, sondern nur die Vorbereitung, von der Erzählung, die Daten und Fakten verbindet. Bei Norbert Häring hat der rote Faden drei Fasern:

  • Der Wahrheitskomplex ist „vor allem ein militärisch-geheimdienstliches Projekt“ (Seite 281), vorangetrieben von der Nato – was unter anderem erklären könnte, warum Schweden, seinerzeit noch kein Mitglied, bei Corona ausgeschert ist und warum Merz die 551 CDU-Fragen zur NGO-Förderung von Anfang 2025 verschwinden ließ, als er ins Kanzleramt einzog und neue Einblicke bekam.
  • Deutschland war in Europa ein Vorreiter – angefangen mit Heiko Maas (seinerzeit Justizminister) und der Amadeu Antonio Stiftung, die früh eine „Anti-Hass-Arbeitsgruppe“ lancierten, über die erste Werbeboykottkampagne Ende 2016 (#KeinGeldFuerRechts) bis zum Netzwerkdurchsetzungsgesetz 2017, das zum Vorbild für den DSA wurde.
  • Auslöser waren (durch die Militärbrille nicht überraschend) die Vorgänge in der Ukraine: „Es begann bereits 2014, auch wenn das damals nicht erkennbar war“ (Seite 105).

Kein Buch kann alles. Zum Wahrheitskomplex gehören eine Regierungspropaganda, die im letzten Vierteljahrhundert erheblich ausgebaut worden ist, die Domestizierung der Leitmedien (auch durch Stellenabbau, bei gleichzeitiger Aufrüstung des PR-Apparats in Ministerien und Parteien) sowie das Klima der Angst, das so produziert wird. Norbert Häring weiß das. Immer wieder fallen Namen von Redaktionen, die diesen oder jenen Cancel-Vorgang angeschoben oder begünstigt haben. Häring kennt auch den größeren Rahmen. Er schreibt eine kurze „geheime militärische Geschichte des Internets“ (im Netz gibt es eine Langversion, die gar nicht so geheim ist und seine große Erzählung sogar stützen würde, wenn er die Lupe für einen Moment beiseitegelegt hätte.

In Kurzform: Das Netz, konzipiert als Überwachungs- und Kontrolleinrichtung für eine wachsende, formal besser gebildete Weltbevölkerung, muss etwas bieten, was sich so nicht in den Leitmedien finden lässt. Warum sonst sollten die Menschen die Geräte nutzen und so den Datenstrom füttern, der sie steuer- und vorhersagbar macht? Damit ist der Kampf um Definitionsmacht in eine neue Phase getreten – zu spüren schon im Jugoslawienkrieg und bei 9/11 und 2008 dann sichtbar auf EU-Ebene angekommen, nachzulesen zum Beispiel bei Hannes Hofbauer, der den Zensurreigen mit einem EU-Rahmenbeschluss vom 28. November 2008 beginnen lässt (Thema: Völkermord und damit Tabus in Sachen Kriegsschuld).

Noch einmal anders gewendet: Das perfekte Buch über den „Wahrheitskomplex“ würde in den 1960ern einsteigen, den Kampf um Deutungshoheit und Definitionsmacht zum Dreh- und Angelpunkt machen und dabei weder die Wissenschaft auslassen (als Produzent von „Wahrheit“ und Wahrheitsverkündern die Religion der Jetztzeit) noch all das, was getan wurde und wird, um die Leitmedien einzuspannen – die Bühne, auf der entschieden wird, was buchstäblich alle sehen können und was eben auch nicht. Norbert Häring hat dafür das Fundament gelegt und keineswegs nur nebenbei zugleich ein Rezept für jeden Einzelnen geliefert:

Sobald die Linken regelmäßig für die Meinungsfreiheit der Rechten eintreten und die Rechten für die Meinungsfreiheit der Linken, ist der Wahrheitskomplex am Ende. (Seite 282)

Norbert Häring: Der Wahrheitskomplex. Wie NGOs im Staatsauftrag unerwünschte Meinungen bekämpfen. Neu-Isenburg: Westend 2026, 303 Seiten, 25 Euro.

Bildbeschreibung

Buch-Tresen

Unterstützen

Newsletter: Anmeldung über Pareto

Titelbild: Justus von Daniels (Chefredakteur von Correctiv) 2024 bei einer Demo gegen Rechtsextremismus und für Demokratie in Berlin (Foto: Leonhard Lenz, CC0)


Write a comment
No comments yet.